HM-HETZELMEDIA
Von : H.HETZEL, Den Haag
Datum : 11.6.2026
Niederlande / Deutschland / Österreich / Zweiter Weltkrieg
Joseph „Sepp“ Thum: Der gute Deutsche und seine Gattin, Irène Donáth, eine Österreicherin, waren Helden im Zweiten Weltkrieg in Den Haag: Sie retteten viele Juden
HM-Interview mit Casper Postmaa über sein neues Buch:
„Der Tag, an dem der Teufel ins Des Indes kam“
Von HELMUT HETZEL
Frage (F): Herr Postmaa, wie kamen Sie auf die Idee, das Buch „Der Tag, an dem der Teufel ins Des Indes kam“ zu schreiben?
Antwort (A): Als ich 1982 mein Haus kaufte, kopierte ich sofort die Bewohnerkarte aus dem Stadtarchiv. In der Redaktion der „Haagsche Courant,“ bei der ich damals arbeitete, entdeckte ein Kollege auf diesem Formular den Namen Joseph Thum. Er stellte fest, dass Thum von 1941 bis 1944 in unserem Haus in Den Haag gewohnt hatte. Ich vermutete, dass es sich um denselben Thum handelte, der damals Eigentümer des legendären Restaurants „Royal“ war.
„Als Thum im Krieg als Verwalter des Hotels Des Indes im Auftrag der Besatzer tätig war, versteckte er untergetauchte Juden im Taubenschlag auf dem Dach des Hotels,“ erzählte mir der Kollege.
Als Thum 1985 ankündigte, das Restaurant „Royal“ zu verlassen, gingen meine Frau und ich dort essen. Wir waren die einzigen und letzten Gäste. Ich fragte ihn, ob die Geschichte mit den untergetauchten Juden unter dem Dach wahr sei. Er schüttelte nur den Kopf und zeigte mit dem Zeigefinger nach unten. Sie saßen im Keller.
Jahrzehnte später, als ich mich als freier Journalist selbständig machte, hatte ich endlich Zeit, diese große Geschichte gründlich zu recherchieren.

Casper Postmaa. Foto: Piet Gispen Photography
Joseph Thum – er riskierte sein Leben, um Juden zu retten
F: Im Mittelpunkt Ihres neuen Buches steht Joseph „Sepp“ Thum. Während des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Besatzung der Niederlande (1940–1945) war er Direktor des Hotels Des Indes, in dem die Nationalsozialisten gern logierten, speisten und feierten. Was machte Thum zu einem Helden – und was fasziniert Sie an ihm?
A: Er war zweifellos ein Held, und dazu noch ein außergewöhnlicher. In meiner journalistischen Laufbahn bin ich niemandem begegnet, der so unbekümmert mit Gefahren umging wie er, nur um Menschen in Not zu helfen.
F: Was tat Thum alles?
A: Er versteckte Waffen und ließ Menschen teilweise jahrelang in seinem Hotel untertauchen. Seine jüdische Partnerin Irène und er belauschten Gespräche militärischer Hotelgäste und gaben die Informationen an den niederländischen Widerstand weiter.
Außerdem war er außergewöhnlich großzügig. Thum verschenkte große Geldbeträge, ohne jemals eine Rückzahlung zu verlangen. Wer an die Hintertür des Hotels klopfte, erhielt Essen. Diese Gewohnheit behielt er auch nach dem Krieg im Restaurant „Royal“ bei.
F: Sie haben Thum noch persönlich im historischen und legendären Restaurant „Royal“ interviewt. Welchen Eindruck machte er auf Sie?
A: Joseph Thum war ein Mann, der lieber im Hintergrund blieb. Nur wenn man ihn ausdrücklich darum bat, kam er in den Gastraum, um sich zu unterhalten.
Gerade weil er so schweigsam war, blieb er rätselhaft. Erst aus Zeugenaussagen der Nachkriegszeit entstand ein genaueres Bild.
Irène Donáth
Gemeinsam mit seiner jüdischen Partnerin Irène Donáth setzte er sich mit aller Kraft dafür ein, Juden und andere von den Nationalsozialisten verfolgte Menschen in Sicherheit zu bringen. Dabei scheute er keinerlei Gefahr. Man kann sagen, dass er sein Leben unzählige Male riskierte.

Hotel Des Indes in Den Haag. Foto: Helmut Hetzel
F: Hotel Des Indes bekam damals von den Niederländern einen Spitznamen. Welchen?
A: Das Hotel Des Indes wurde während der Besatzungszeit im Volksmund „Wehrmacht-Hotel“ genannt, weil dort die Spitzen der deutschen Besatzer logierten. Trotzdem versteckte Thum Dutzende Menschen in den Kellern, nur wenige Meter von den Nationalsozialisten entfernt.
Gegen Ende des Krieges wurde Thum verhaftet und grausam gefoltert. Die Misshandlungen zeichneten ihn für den Rest seines Lebens. Doch er verriet weder Jacobs, seine jüdische Frau noch die Untergetauchten.“
Wer war der „Teufel?“
F: Wer war der „Teufel“ namens Jacobs, der Thum dabei half, Juden im Keller des Hotels Des Indes zu verstecken, während die Nationalsozialisten dort feierten?
A: Mich faszinierte das Zusammenspiel dieser drei Menschen: Joseph Thum, Irène Donáth und des geheimnisvollen Majors Josef Jacobs.
„Le Diable Noir“ – der Schwarze Teufel
Jacobs erhielt im Ersten Weltkrieg von den Franzosen den Ehrennamen „Le Diable Noir“ – der Schwarze Teufel –, weil er ein schwarzes Jagdflugzeug flog.
Diese drei Menschen riskierten ihr Leben, um Menschen zu retten, die sie kaum kannten und die nicht einmal ihre Landsleute waren. Sie handelten völlig selbstlos.
Jacobs war Jagdflieger der deutschen Kaiserlichen Luftstreitkräfte und hatte 48 bestätigte Luftsiege. Dafür erhielt er den Orden Pour le Mérite, die höchste deutsche Tapferkeitsauszeichnung jener Zeit.
In den 1920er Jahren trafen sich die noch lebenden Träger dieses Ordens regelmäßig auf einem deutschen Schloss. Dort waren auch Hermann Göring sowie Friedrich Christiansen anwesend, der später Wehrmachtbefehlshaber in den Niederlanden wurde.
Diese Treffen sollten später große Bedeutung erlangen. Aufgrund der Loyalität unter den ehemaligen Ordensrittern genoss Jacobs während des Krieges Schutz und konnte in Den Haag eine entscheidende Rolle spielen.
Als die Nationalsozialisten in Deutschland an die Macht kamen, wandte sich Jacobs von Göring ab. Er weigerte sich, der NSDAP beizutreten, lehnte die Übergabe seiner Firmenanteile ab und trat auch nicht in die Luftwaffe ein.
„Das führt nur zu einem neuen Krieg,“ soll er gesagt haben.
1941 griff Christiansen ein. Zu Jacobs’ eigener Sicherheit wurde er aus Deutschland herausgebracht und als Verwalter von Shell in Den Haag eingesetzt.
Dort kam er mit Thum in Kontakt. Immer wenn Gefahr drohte, warnte Jacobs seinen Freund.
Als Thum wegen der Kriegsumstände in ein anderes Haus ziehen musste, nahm er dort ebenfalls Untergetauchte auf.
Während einer großen Razzia im Rahmen der „Operation Schneeflocke“ rettete Jacobs ihm vermutlich das Leben. Wehrmachtssoldaten standen bereits vor seiner Tür. Im letzten Moment fuhr Jacobs mit seinem Dienstwagen über den Bürgersteig vor, stellte das Fahrzeug vor Thums Haus und jagte die Soldaten lautstark fort.“
Verbindung zu Österreich
F: Die von Nazi-Deutschland besetzten Niederlande wurden von 1940 bis 1945 durch den österreichischen Nationalsozialisten Arthur Seyss-Inquart regiert. Welche Verbindung hat die Geschichte Thums zu Österreich?
A: Verbindungen zu Österreich gab es viele. Irène Donáth, die Liebe seines Lebens, war Österreicherin.
Heiraten konnten die beiden erst 1948. Ihr erster Ehemann, der jüdische Teppichhändler Mottel Friedmann, war verschwunden. Später stellte sich heraus, dass sowohl er als auch ihr gemeinsamer Sohn in Auschwitz ermordet worden waren.
Irène stammte aus dem Burgenland, jener österreichischen Region, die sich während der NS-Zeit rühmte, der erste „judenfreie Gau“ des Deutschen Reiches zu sein.
Später wurde bekannt, dass nicht nur ihr Sohn und ihr früherer Mann ermordet worden waren, sondern auch nahezu alle in Österreich verbliebenen Angehörigen.
Vermutlich war dies der Grund, weshalb Irène Donáth wenige Monate nach ihrer Hochzeit mit Thum Selbstmord beging. Man könnte sagen, dass Österreich in ihrem Leben zu einem Ort des tragischen Schicksals wurde.
Dabei spielte auch die bekannte Familie Thyssen-Bornemisza eine Rolle. Die Familie besaß ein Schloss im burgenländischen Rechnitz und war mit Ereignissen verbunden, bei denen in den letzten Kriegstagen Hunderte Juden ermordet wurden.

Das noble Hotel Des Indes in Den Haag
Bemerkenswerterweise besuchten die Kinder dieser Familie in den 1920er- und 1930er-Jahren die Deutsche Schule in Den Haag, direkt gegenüber von Thums Haus.
Der spätere Unternehmer und Playboy Heinrich Thyssen-Bornemisza machte dort 1939 sein Abitur. Zeitzeugen erinnerten sich daran, dass bereits vor dem Krieg Hakenkreuzfahnen gehisst wurden und Kinder auf dem Schulhof „Heil Hitler!“ riefen.
Auch an dieser Schule dominierte nach 1933 der Antisemitismus.
Nach dem Krieg sollte die Familie Thyssen-Bornemisza erneut in Thums Leben treten. Obwohl Heinrich in der Schweiz und in Madrid lebte, besuchte er regelmäßig Den Haag und kehrte oft im Restaurant „Royal“ ein.
F: Wird Joseph Thum nach Erscheinen Ihres Buches in Den Haag ein Denkmal erhalten?
A: Das sollte er eigentlich. Wenn er keines verdient, wer dann? Eine lokale politische Partei hat bereits einen entsprechenden Vorschlag im Stadtrat eingebracht. Sollte daraus nichts werden, hoffe ich, dass mein Buch ihm wenigstens die Ehre erweist, die ihm zusteht.“
F: Vielen Dank für dieses Gespräch.
Über Hotel Des Indes:

High Tea im Hotels Des Indes in Den Haag – ein kulinarisches Erlebnis – in einem ganz besonderen Hotel
Das repräsentative Gebäude wurde ursprünglich im 18. Jahrhundert als Stadtpalais für den wohlhabenden Baron Van Brienen van de Groote Lindt (1814–1863) errichtet.
1881 wurde es zu einem Luxushotel umgebaut und erhielt den Namen Hotel Des Indes. Ziel war es, ein europäisches Grandhotel nach Pariser Vorbild zu schaffen.
Es entwickelte sich rasch zum bedeutendsten und wohl bis heute schönsten Luxushotel der Niederlande.
Das Hotel war ein Treffpunkt für Politiker, Diplomaten und Kolonialbeamte aus der damaligen niederländischen Kolonie Niederländisch-Indien (dem heutigen Indonesien).
Der Name „Des Indes“ verweist unmittelbar auf diese koloniale Verbindung.
Während der deutschen Besatzung der Niederlande (1940–1945) wurde das Hotel von den Nationalsozialisten genutzt, die dort auch gerne feierten. Deshalb erhielt es im Volksmund den Spitznamen: „Wehrmacht-Hotel.“
Berühmte Gäste des Hotels Des Indes:
Anna Pavlova, die weltberühmte Balletttänzerin, sie starb 1931 im Hotel Des Indes.
Josephine Baker übernachtete hier.
Mata Hari war ein häufiger Gast.
Kaiser Haile Selassie (Äthiopien) lebte hier im Exil, ebenso Paul Kruger, Präsident von Südafrika.
Der berühmte Fußballtrainer Louis van Gaal übernachtet hier regelmäßig bei Aufenthalten in Den Haag.
Michael Jackson, die Spice Girls und Prince waren ebenfalls Gäste des Hotels.
Hotel Des Indes ist auch heute noch eine der ersten Adressen in den Niederlanden.
Das Buch:

Casper Postmaa „De dag dat de duivel naar Des Indes kwam” – Der Tag als der Teufel nach Des Indes kam. Amsterdam 2026, 22,99 Euro. Es liegt noch keine deutsche Übersetzung vor.

Mit Casper Postmaa im Kunstmuseum „Pulchri-Studio“ in Den Haag – 7. Juni 2026
Links:
Hotel Des Indes:
https://www.hoteldesindes.nl/?gad_source=1&gad_campaignid=23476764647&gbraid=0AAAAADDKvdsJDMcWohjO4SR9AJ2UQSif9&gclid=Cj0KCQjw3K7RBhDJARIsAKRtP5Qg2vWeMmMuJUx_XBvHfEfvB6FOEeXjF9uiJtDnNAcVt66cBUZj7aEaAo8sEALw_wcB
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