HM-HETZELMEDIA
Von : H.HETZEL, Den Haag
Datum : 9.8.2026
Niederlande/Trockenheit
Früher war zu viel Wasser das große Problem in den Niederlanden: Jetzt wird zu wenig Wasser zum Problem: Die Deiche trocknen aus
Die Dürre bedroht Hollands Wirtschaftsmodell
Von HELMUT HETZEL
Den Haag. Niederländer sind die Weltmeister im Wassermanagement. Das Land, das zu mehr als einem Drittel unter dem Meeresspiegel liegt, hat das Meer zurückgedrängt, Flüsse gezähmt, Wasser in Land verwandelt und ein hochproduktives und erfolgreiches Agrar- und Wirtschaftssystem aufgebaut. Die Niederlande bleiben nur durch ein ausgeklügeltes System aus Deichen, Kanälen, Schleusen und Wasserreservoirs trocken.
Doch der heiße Sommer 2026 ist auch für Holland eine Herausforderung. In der südlichen Provinz Limburg gab es bereits große Waldbrände. Nun aber stellt sich die Wasserfrage. Und zwar plötzlich umgekehrt: Nicht zu viel Wasser ist das Problem, sondern zu wenig. Durch zu wenig Regen und durch die niedrigen Pegelstände der Flüsse trocknen nun die Deiche aus. Sie bekommen Risse. Die für die niederländische Wirtschaft lebenswichtige Schifffahrt kann ihre wichtige Transportfunktion kaum noch erfüllen. Wegen der niedrigen Pegelstände in den Flüssen können viele Schiffe nur noch halb beladen werden oder können auf manchen Flussabschnitten und manchen Kanälen überhaupt nicht mehr fahren.
Schon seit dem 16. Juli gilt in den Niederlanden landesweit ein Wasser-Alarm. Das heißt: Es gibt ein Wasserdefizit.

Flüsse, Grachten und Kanäle – typisch für die Niederlande
Das droht inzwischen große wirtschaftliche Konsequenzen zu haben. Die niederländische Landwirtschaft ächzt unter dem Wassermangel. Sie benötigt große Mengen Süßwasser für den Anbau von Gemüse, Kartoffeln, Obst und für die Viehzucht. Die Bewässerung der Weiden für die Kühe wird immer schwieriger. In einigen Regionen gelten bereits Einschränkungen des Wasserverbrauchs.
Immer häufiger bekommen zu trockene Deiche Risse. Sie können dadurch absacken. In der Region Delfland, das ist die Region um Den Haag, dem Westland mit seinen vielen Gewächshäusern, Delft bis Rotterdam, wird deshalb das noch verfügbare Süßwasser schon vorrangig zum Schutz der Deiche eingesetzt. Denn für die Sicherheit des unter dem Meeresspiegel liegenden Landes ist es lebenswichtig, dass sie Deiche stabil sind und stabil bleiben.
Der Rhein
Die zweite Schwachstelle ist die Binnenschifffahrt. Der Rhein ist eine der wichtigsten Lebensadern der niederländischen Wirtschaft. Sinkende Pegel bedeuten: Schiffe können weniger Fracht laden, müssen langsamer fahren oder ihre Routen ändern. Die niederländische Wasserbehörde „Rijkswaterstaat“ meldet bereits zunehmende Behinderungen durch geringere Fahrwassertiefen. Gleichzeitig nimmt die Versalzung des Wassers insbesondere im Rhein-Maas-Delta zu.

Schiffe liegen auf dem Trockenen in den Niederlanden, August 2026
Das Problem reicht weit über die Niederlande hinaus. Niedrige Pegelstände des Rheins gefährden Lieferketten von Häfen, Industrie und Energieunternehmen in mehreren europäischen Ländern. In Deutschland, der Schweiz, Frankreich, Belgien.
Für die niederländischen Bauern bedeutet die derzeitige Dürre mehr als einen schlechten Sommer. Das Geschäftsmodell der modernen und hochproduktiven Landwirtschaft gerät unter Anpassungsdruck.
Die Niederlande haben ihre internationale Spitzenstellung im Agrarsektor unter anderem durch hohe Erträge auf relativ kleiner Fläche erreicht. Dieses System benötigt jedoch eine zuverlässige Wasserzufuhr. Wenn Trockenperioden häufiger werden und länger dauern, dann steigen die Kosten für die Bewässerung und die Wasserspeicherung. Die küstennahen Gewässer versalzen.
Die Agrar-Universität Wageningen erwartet, dass die Trockenheit 2026 möglicherweise bis in den September hinein anhält.
Wasser wird knapp – Die Deiche trocknen aus
Wasser wird in den ansonsten wasserreichen Niederlanden nun zu einer knappen Ressource.
Das niederländische Wirtschaftsmodell war lange darauf ausgerichtet, genügend vorhandenes Wasser zu bewirtschaften und es möglichst effizient zu nutzen. Jetzt muss man lernen, mit Wasserknappheit zu leben.
Die Niederlande stehen damit vor einem grundlegenden Umbau ihrer Wasserökonomie. Es geht künftig nicht mehr nur darum, das Wasser durch Deiche in Schach zu halten. Es geht jetzt auch darum, genügend Wasser im Land zu haben, um es als knappe Ressource richtig einsetzen zu können.
Das könnte langfristig die Landwirtschaft, Industrie, Logistik und Raumplanung verändern. Das berühmte niederländische Wasserwunder bekommt damit eine neue Aufgabe: Nicht mehr nur der Wasserüberschuss muss beherrscht und bewirtschaftet werden. Auch die Knappheit und der Wassermangel.
Die Dürre 2026 ist deshalb mehr als eine Wetterepisode. Sie ist ein Stresstest für das niederländische Wirtschaftsmodell.

Die anhaltende Trockenheit verursacht Risse in den Deichen. Folge: Die Deiche können brechen
Die Deiche sind durch die große Trockenheit beschädigt worden. Das teilt die für die Deichsicherheit zuständige „Hoogheemraadschap Delfland“ mit. Während das Bewässerungsverbot für Weiden weiterhin gilt, werden die Deiche genau überwacht. Sollten die Deiche wegen der Dürre vollständig absacken, dann wären 1,25 Millionen Einwohner direkt gefährdet. Dann gibt es Alarm aber nicht wegen Hochwasser, sondern wegen Niedrigwasser.

Trockenheit in den Niederlanden, August 2026
Links:
https://nos.nl/artikel/2626232-record-uit-1947-gesneuveld-niet-eerder-zo-weinig-water-door-de-rijn
https://npo.nl/start/afspelen/nieuwsuur_5524
https://www.youtube.com/watch?v=eDfLdGL5nxg
https://www.hetzelmedia.com/water-for-all-always-wasser-fuer-alle-immer/
Foto: ANP
/ Textende / Copyright © by HELMUT HETZEL / Den Haag
