HM-HETZELMEDIA
Von : H.HETZEL, Den Haag
Datum : 8.4.2026
Deutschland/Fotografie
Das Geheimnis der Chemogramme und Diogramme
HM-Interview mit Josef H. Neumann, dem Erfinder der Symbiose zwischen Fotografie und Malerei
Begegnung mit Andy Warhol – Vorbilder: Leonardo Da Vinci und Markus Lüpertz
Der Kabarettist Dieter Nuhr ist in Sachen Fotografie auf den Spuren von Josef H. Neumann
Mit Josef H. Neumann sprach in Dortmund HM-Herausgeber HELMUT HETZEL
Frage: Herr Neumann, Sie haben das fotografische Kunstphänomen Chemogramm erfunden. Was ist ein Chemogramm?
Antwort: Um den Begriff Chemogramm ranken sich im internationalen Kontext oft nicht exakte
Beschreibungen dieser fotografischen Kunstform. Chemogramme werden häufig, auch nahezu 50 Jahre nach meiner Erfindung 1974 dieser fotografischen Technik, immer noch als ein kameraloses Medium bezeichnet, was so in doppelter Hinsicht nicht korrekt beschreibt, was die Chemogramme wirklich sind.
F: Was sind Chemogramme dann…?
A: …Indem ich originär das lichtempfindliche Fotopapier in der vorbereiteten Fläche, sowohl mit Chemikalien malerisch bearbeitete, als auch gleichzeitig durch Linseneinwirkung, entweder durch Vergrößerer, Kameraobjektive oder Projektoren fotografisch reale Motive projizierte, eröffnete ich gleichsam eine zweite Bildebene.
F: Sie haben also eine Symbiose aus Fotografie und Malerei geschaffen und erfunden – oder?
A: Ja. Denn noch entscheidender ist, dass ich damit die Schnittstelle zwischen Fotografie und Malerei, zu diesem Zeitpunkt vor nahezu 50 Jahren erstmalig durch diese Entdeckung auch aus kunsthistorischer Sicht relevant geschlossenen habe, indem ich Fotografie und Malerei innerhalb eines Mediums, dem schwarzweißen Baryt Fotopapier unter Einfluss von Optik und Chemie in Chemogrammen dargestellt habe. So ist eine
neue, bis zu diesem Zeitpunkt nicht bekannte Darstellungsformen, entstanden.
F: Warum haben Sie Ihrer Erfindung den Namen Chemogramm gegeben?
A: Der Begriff Chemogramm wurde explizit durch mich so gewählt und verändert. Ich habe durch den Ersatz des Buchstaben „o“ im Wort Chem“o“gramm auf den zusätzlichen Einsatz von „O“ptik um sie explizit von den Chimigrammen, des bekannten belgischen Künstlers Pierre Cordier zu unterscheiden, die nur unter Einsatz von Chemie, kameralos entstanden.
Zwischenzeitliche Malereien auf Fotografien aus den achtziger Jahren durch den weltberühmten Maler Gerhard Richter und jüngste Entwicklungen, wie die von ihm so benannten digitalen Malereien des Künstlers Dieter Nuhr, im Jahr 2021 runden diese Entwicklung ab.

Gustav 1 – Chemogramm von Josef H. Neumann 1976
Vom Chemogramm zur Diogramm
F: Inzwischen sind, dank Ihrer Kreativität und Neugier, aus den Chemogrammen Diogramme geworden, die, wenn ich das richtige sehe, digitale Symbiose zwischen Fotografie und Malerei. Wie stellen Sie Diogramme her?
A: Ein Diogramm ist ein digitales optisches Bildwerk, das aus meiner Weiterentwicklung
der analogen Chemogramme im Jahre 2017 hervorgegangen ist. Es verbindet chemisch
erzeugte Strukturen mit digitaler Transformation und eröffnet einen hybriden Bildraum zwischen Fotografie, Malerei und Medienkunst.
DI (Digital), O (Optik) und Gramm (Schrift, Bildspur).

Sonho, 2020, Diogramm von Josef H. Neumann
Ausgehend von den Chemigrammen der 1950er-Jahre und den in den 1970er-Jahren entwickelten Chemogrammen entsteht mit meinen so bezeichneten Diogramm des Jahres 2017 eine dritte Generation: die digitale optische Weiterführung dieser analogen Bildwelten, den von mir geformten Begriff Diogramme.
Die Genealogie der Bildformen
F: Jetzt der Reihe nach. Bitte erklären Sie kurz: Chemigramm, Chemogramm, Diogramm. Was sind die Unterschiede?
A: Hier die Genealogie der Bildformen:
Chemigramm: rein chemische Bildwerke auf Fotopapier
Chemogramm: Kombination aus fotografischer Belichtung und chemischer Malerei
Diogramm: digitale optische Weiterentwicklung der Chemogramme
Diogramme markieren einen Übergang: von der Dunkelkammer zur digitalen Bildkultur – ohne die analoge Herkunft zu verleugnen.

Schäfer Haren Ems – Diogramm Josef H. Neunamm, 2017
Auszeichnungen
F: Sie haben nicht nur als Chemograf und Diograf neue Wege beschritten, sondern sind auch als Fotograf erfolgreich. Ihr Bildband „Deutschland“ wurde zweifach (1987 und 1990) mit dem Kodak-Fotobuchpreis ausgezeichnet und als Gastgeschenk der deutschen Bundesregierung an ausländische Gäste überreicht. Was sind Ihre folgenden Projekte?
A: Ich habe den großformatigen Panoramabildband „Deutschland“, in 1990, dem Jahr der Wiedervereinigung, mit der russischen Panorama Kamera „Horizont“ und einem Aufnahmewinkel von stolzen 120° beim bekannten Schweizer Bucher Verlag, herausgebraucht. Weitere beachtete Bildbände von mir der europäischen Metropolen sind: Paris, Wien, München und ein ebenso erfolgreiches Projekt über die Schweiz folgten.

Cegonha, 2017, Diogramm von Josef H. Neumann
Fotografische Trends in der Kunstszene
F: Welche aktuellen Trends sehen Sie in der Kunstszene, der Fotografie und der Malerei
derzeit in Deutschland, Europa und der Welt?
A: Eine sehr beachtete Tendenz der weiteren Entwicklung in der fotografischen Kunstszene in Bezug auf die Malerei sehe ich der von dem Künstler Dieter Nuhr.
Die von ihm selbst als digitale Malerei bezeichnete Technik (2021), knüpft direkt an die
von mir entwickelten analogen Chemogramme aus 1974 und die von mir weiterentwickelten digitalen Diogramme aus dem Jahr 2017 an.

Josef H. Neumann – Der Erfinder der Chemogramme und der Diogramme
Der Kabarretist Dieter Nuhr auf den Spuren von Josef H.Neumann in Sachen Fotografie/Chemogramme
F: Ist mit Dieter Nuhr der bekannte Kabarettist gemeint oder hat dieser Künstler nur zufällig den gleichen Namen?
A: Ja, Dieter Nuhr, der erfolgreiche Comedian, arbeitete ursprünglich als bildender Künstler in der Malerei. Er studierte ab 1981 an der inzwischen zur Universität avancierten bekannten Folkwang Schule in Essen mit Schwerpunkt die Fächer Malerei und Fotografie.
Neben der Malerei fotografierte er stets intensiv und hebt in seinen Werken die Grenzen zwischen diesen beiden Medien auf. Seine Werke durch „digitale Pinsel“ bearbeitete Bilder, die malerisch wirken.
Warhol oder Lüpertz?

Andy Warhol – der Erfinder der Pop-Art

Markus Lüpertz – das Genie. Foto; Deutschlandfunk, Kultur
F: Sind Sie ein Fan von Andy Warhol oder von Markus Lüpertz? Oder von beiden?
A: Die Kunstwerke von Markus Lüpertz als einer der bedeutendsten deutschen Künstler der Gegenwart haben mich stets beeindruckt. Die besondere Berühmtheit seines Oevres und die herausragende, kraftvolle Rückkehr zur figurativen dithyrambischen, also leidenschaftlichen Malerei, der Entwicklung einer eigenen Bildsprache, haben mich stets beeindruckt. Faszinierend ist auch seine Selbstdarstellung als exzentrischer „Malerfürst“.
F: Und Warhol?
A: Andy Warhol hat mich in seinem künstlerischen Schaffen aus der Kategorie der Popart Künstler ein lebenslang begleitet, nicht zuletzt, weil auch er innerhalb seiner grafischen Arbeit, durch die Technik des Siebdruckes sich in die Nähe des Mediums Fotografie bewegte. In einer sehr beeindruckenden Begegnung hatte ich das Vergnügen ihn in Paris einmal kurz im Jahre 1983 persönlich erleben zu können.
F: Welchen Eindruck machte Warhol auf Sie?
A: Ich erlebte Warhol als einen sehr zielgerichteten Künstler zwischen seinen
fotografischen Ambitionen und dessen Umsetzung in künstlerischen angelegten Siebdruckverfahren. Da er selbst auch experimentell arbeitete, konnte ich ihm kurz meine Erfindung des ersten essbaren Fotos der Welt aus dem Jahre 1976 skizzieren, das unter Einsatz von Lebensmittelfarben, auch mit Hilfe dieser Technik des Siebdruckes, entstanden war.
Vorbild Leonardo da Vinci
F: Haben Sie ein Vorbild in der Fotografie, der Malerei, der Kunst?
A: Eines meiner größten herausragenden Vorbilder der Kunstgeschichte, ist nach wie vor der weltbekannte Künstler der Renaissance, Leonardo da Vinci, der mich stets faszinierte. Nicht zuletzt weil es in der jüngeren Vergangenheit eine durch den Popart Künstler David Hockney in seiner Forschung „Geheimes Wissen“ ausgelöste heftige Diskussion zur Kunstepoche der Renaissance und einer zeitgleichen Erfindung der physikalisch bedeutenden Sammellinse, gibt.

Leonardo da Vinci – das Universalgenie
F: Welche fotografische und chemografische Genres bevorzugen Sie? Das Portrait, die Landschaft, die Erotik?
A: Innerhalb meiner künstlerischen Arbeiten von Chemogrammen und Diogrammen fließen die Grenzen der Sujets teilweise ineinander. Entscheidend sind in der Anwendung dieser Techniken nur die Steigerung der Motivaussagen sowie die gestalterischen Formationen von Malerei und Fotografie.
F: Vielen Dank für das Gespräch.

Josef H. Neumann – der Erfinder der Chemogramme und Diogramme
Zur Person:
Josef H. Neumann, Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Photographie DGPH.
Fotodesigner.
Josef H. Neumann (* 27. Mai 1953 in Rheine) ist ein deutscher Fotograf, Foto- u. Mediendesigner, Fotokünstler, Fotofachjournalist und Kunsthistoriker. Neumann ist der Erfinder des Chemogramms (1974) – und deren digitale Weiterentwicklung der von ihm so bezeichneten Diogramme, im Jahr 2017.
Josef H. Neumann absolvierte von 1967 bis 1970 eine Fotografenlehre bei Gustav Wenning in seinem westfälischen Geburtsort Rheine. Von 1974 bis 1978 studierte er visuelle Kommunikation an der Fachhochschule Dortmund bei den Professoren Pan
Walther, Fotograf und Adolf Clemens, Bildjournalist. Nach dem Diplom als Fotodesigner
bei Professor Harald Mante, Fotodesigner, im FB Fotografie/Film Design (1979), komplettierte er mit einem Vordiplom (Bachelor) 1984 bei den Professoren Winfried B. Lerg, Publizist, Hans Blumenberg, Philosoph und Georg Kauffmann, Kunsthistoriker, sein Studium der Publizistik, Philosophie und Kunstgeschichte an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster.
Neumann lehrte ab 1979 an der Fachhochschule Dortmund in den Fachbereichen Fotodesign und Sozialarbeit. Der Fachbereich Informatik der Fachhochschule Dortmund betraut ihn seit 1996 mit dem Lehrauftrag „Gestaltung mit elektronischen
Medien.“

Dschina apoloa, 2020, Diogramm von Josef H. Neumann
Publikationen:
Chemogramm Gustav I, von Josef H. Neumann, 1976
Ab 1986 fotografierte Neumann für verschiedene Verlage in Deutschland, Österreich,
Frankreich und der Schweiz. Vor allem für den C. J. Bucher Verlag (München). Er arbeitete häufig mit der russischen Panoramakamera Horizont. So erschienen eine Anzahl von Panoramabildbänden, u. a. zu Paris, Wien, Schweiz, München, Deutschland, Toskana und Sizilien.
Sein Bildband Deutschland wurde zweifach (1987 und 1990) mit dem Kodak Fotobuchpreis ausgezeichnet. Zudem wurde dieser mit einem Vorwort des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker versehen und in einer Auflage von über 40.000 Exemplaren von der Bundesregierung über mehrere Jahre als Gastgeschenk
weltweit verbreitet.

Normnalität,2025, Diogramm von Josef H. Neumann

Djerba, Nomaden, 2018, Diogramm von Josef H. Neumann
Links:
https://de.wikipedia.org/wiki/Josef_H._Neumann
https://en.wikipedia.org/wiki/Abstract_photography
https://de.wikipedia.org/wiki/Abstrakte_Fotografie
https://de.wikipedia.org/wiki/Fotografie#Fotografie_als_Kunst
https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%BCnstlerische_Fotografie
https://de.wikipedia.org/wiki/Kunst
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