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Nout Wellink: Kreditkrise kostet bis zwei Billionen Euro

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Nout Wellink Wellink’s Spinnen-Theorie
 
Gespräch mit dem niederländischen Zentralbankpräsidenten Nout Wellink 
  
Von HELMUT HETZEL
 
Den Haag. Die nun schon über ein Jahr dauernde internationale Finanzmarktkrise ist noch lange nicht ausgestanden, geschweige denn zu Ende. Und sie wird noch teurer. ,,Sie kann uns zwischen einer und zwei Billionen Euro kosten. Bisher sind bereits 500 Milliarden Euro von den Finanzinstituten abgeschrieben worden. Denn diese Krise ist anders als andere Krisen. Sie dauert länger als gedacht, und sie ist tiefer als zunächst angenommen,‘‘ sagt Nout Wellink, Präsident der Niederländischen Zentralbank (DNB) und Mitglied des Vorstandes der Europäischen Zentralbank EZB in Frankfurt/M..
Wellink, der am 1. Juni 1997 die Nachfolge des inzwischen verstorbenen ehemaligen DNB- und EZB-Präsidenten Wim Duisenberg an der Spitze der DNB antrat, verkneift es sich aber, eine Prognose abzugeben, wie lange die Finanzkrise noch dauern werde. ,,Ein Ende ist jedenfalls noch nicht in Sicht. Das gilt auch für die Immobilien- und Hypothekenkrise in den USA, die alles ausgelöst hat. Die Erfahrung lehrt aber, dass solche Krisen meist zwei bis drei Jahre dauern können,‘‘ stellt der 65jährige Wellink fest. Man solle angesichts der jetzigen Krise jedoch nicht zu pessimistisch aber auch nicht zu optimistisch sein. ,,Wir werden aber auch diese Krise überstehen, weil sich die Finanzinstitute an die neuen Verhältnisse anpassen müssen und werden.‘‘
Die Anpassungsprozess sei bereits in vollem Gange, meint der niederländische Notenbankchef. Mit Blick auf die gerade beschlossene Übernahme der Dresdner Bank durch die Commerzbank in Deutschland, hält Wellink im Gespräch mit unserer Zeitung weiter fest: ,,Das ist wohl der Auftakt zu einer neuen Konsolidierungsrunde in der europäischen Bankenlandschaft. Deutschland hat in dieser Hinsicht noch einen Nachholbedarf. Sobald sich die Finanzmarktkrise abschwächt, werden wir wohl weitere Übernahmen und Fusionen im Bankensektor sehen.‘‘
Angesprochen auf die Frage, ob das Benelux-Finanzinstitut Fortis ausreichend finanzielle Puffer habe, um die milliardenschwere Akquisition der niederländischen ABN Amrobank bis Ende 2009 erfolgreich abzuschließen, antwortet Wellink: ,,Sie werden verstehen, dass ich dazu öffentlich nichts sagen kann. Wir beobachten aber alles sehr genau.‘‘
Noch eine andere Sorge aber treibt den niederländischen Zentralbankchef um. Es ist die steigende Inflation. ,,Sie konnte angesichts der immer weiter steigenden Energie-, Rohstoff- und Nahrungsmittelpreise nicht ausbleiben. Wir müssen die Inflation aber in den Griff bekommen.‘‘ Daher habe er der niederländischen Regierung auch vehement davon abgeraten, die Mehrwertsteuer erneut zu erhöhen so wie das für den 1. Januar 2009 geplant war. ,,Dass Den Haag meinen Rat befolgt hat, freut mich natürlich,‘‘ stellt er fest.
,,Wir müssen aber auch sehen, dass wir in einer anderen, in einer neuen Welt leben. Seit China und Indien mit ihren zusammen rund 2,3 Milliarden Einwohnern aktiv den Weltmarkt betreten haben, hat sich alles grundlegend verändert. Nichts ist mehr  so, wie es einmal war.‘‘ Dann holt Wellink, der 1975 an der renommierten Rotterdamer Erasmus-Universität über ,,Einkommenselastizität im niederländischen Steuersystem‘‘ promovierte, nochmals zu einer Erklärung über das Entstehen der heutigen internationalen Finanzmarktkrise aus. Selbstkritisch stellt er fest: ,,Vielleicht haben auch wir Zentralbanker versagt. Vielleicht haben wir zu spät und nicht laut genug gewarnt und zu spät eingegriffen. Aber durch die Rettung der US-Bank Bear Stearns konnte wenigstens ein Domino-Effekt verhindert werden.‘‘ Sorge bereitet Wellink, dass die Finanzmarktkrise nun auch auf die reale Ökonomie übergegriffen hat. ,,Die verschärfte Kreditvergabe führt zu höheren Zinsen und  höhere Zinsen bremsen die Investitionsvorhaben von Unternehmen. Das wirkt sich negativ auf die Konjunktur aus.‘‘
 
Nach Meinung des niederländischen Notenbankchefs ,,ist alles an den Märkten sehr komplex geworden. Durch die globalisierten Märkte, den rasanten und blitzschnellen elektronischen Datenaustausch und die immer neuen Produkte, insbesondere im Bereich der Derivate, sind die Märkte nicht mehr so überschaubar und berechenbar wie früher.‘‘ Wellink weiter: ,,Früher hatten wir unsere Modelle und Modellberechnungen, die mehr oder weniger gut zukünftige Marktentwicklungen zumindest einigermaßen zutreffend prognostizieren konnten. Damit ist es jetzt aber endgültig vorbei. Wir müssen jetzt permanent ein riesiges globales Netzwerk beobachten und analysieren, ohne genau zu wissen, was gerade darin vorgeht. Es ist, als ob wir vom Schreibtisch aus auf eine Spinne mit ihrem Netzwerk starren und darauf warten müssen, in welche Richtung sie sich bewegen wird. Geht sie nach links oder geht sie nach rechts. Erst dann können wir auf die Bewegung der Spinne reagieren.‘‘
 
 
 
 
/ Textende / Copyright © by HELMUT HETZEL / Den Haag /

 

Zuletzt aktualisiert am Montag, 02. März 2009 um 21:53 Uhr  

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