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Das Fortis-Drama

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fortis-hv-gent-28-04-09

Chaos und Wut

 

Manager mit Schuhen und Münzen beworfen

 

Fortis-Aktionäre stimmen für Verkauf der belgischen Fortis Bank an BNP Paribas

 

Von HELMUT HETZEL

Gent. Eine überwältigende Mehrheit von knapp 73 % der Fortis-Aktionäre hat sich am gestrigen Dienstag auf einer Hauptversammlung im flämischen Gent für den Verkauf der belgischen Fortis Bank an die französische BNP Paribas ausgesprochen. Das Votum kam nach einer chaotisch verlaufenen Aktionärsversammlung zu Stande. Nun müssen am heutigen Mittwoch im niederländischen Utrecht die holländischen Fortis-Aktionäre den Verkauf ebenfalls noch billigen, dann ist der Deal rund.

 

Die Hauptversammlung in Gent begann mit Tumulten und lauten Protesten:


,,Démission, Démission'' - Rücktritt, Rücktritt, schallt es in Französisch aus hunderten von Kehlen auf der Hauptversammlung der Finanzgruppe Fortis im flämischen Gent. Wütende Fortis-Aktionäre haben sich im Genter Flanders Expo-Center, wo die Fortis-Hauptversammlung gestern stattfand, von ihren Plätzen erhoben. Sie toben. Die Wut bricht sich Bahn. Es werden sogar Schuhe, Münzen und andere Gegenstände auf die anwesenden Fortis-Manager geschleudert. Die müssen in Deckung gehen.

Fortis-Verwaltungsratspräsident Jozef de Mey greift das Mikrophon. Er unterbricht die Versammlung. ,,Für fünf Minuten,‘‘ sagt er auf Niederländisch und Französisch. Doch aus den fünf Minuten wird eine halbe Stunde. Das Chaos ist perfekt. Bis zum frühen Nachmittag weiß man nicht, ob über den wichtigsten Tagesordnungspunkt der Agenda, nämlich den Verkauf des Großteils der belgischen Fortis Bank an die französische BNP Paribas (BNPP) überhaupt abgestimmt werden kann oder nicht.
Denn darum geht es auf dieser Fortis-Generalversammlung der Aktionäre.

 

Etwa 3500 Fortis-Anteilseigner sind erschienen. Sie repräsentieren etwa 25 % des Kapitals. Am 11. Februar, auf einer ebenfalls tumultuös verlaufenden außerordentlichen Hauptversammlung, hatte eine knappe Mehrheit der Fortis-Aktionäre schon einmal gegen den Verkauf der Fortis Bank an die französische BNPP votiert. Dann wurde nachverhandelt. Gestern lag also ein neues Kaufangebot der BNPP vor. Das sollten die Aktionäre nun billigen.

Auf das neue Angebot hatten sich die belgische Regierung, BNP Paribas (BNPP) sowie die Fortis Holding im März verständigt. Der neue Deal sieht vor, dass die Franzosen 75 % der Fortis Bank übernehmen. Die übrigen 25 % der Fortis Bank Belgien bleiben im Besitz des belgischen Staates. Außerdem verkauft die Fortis Holding 25 % der belgischen Fortis-Versicherungen an die BNPP zum Preis von 1,375 Mrd. Euro. Der neue Deal hat den Vorteil, dass sowohl die Fortis Holding als auch BNPP davon profitieren. Denn die Cash-Position der Fortis Holding verbessert sich dadurch per Saldo um eine Mrd. Euro auf 3,4 Mrd. Euro. Andererseits wird die Kernkapitalquote der BNPP (Tier 1 Ratio) nicht negativ beeinflusst, weil der Versicherungs-Deal in den Büchern der Fortis Bank verantwortet wird. Ferner wurde zwischen der Fortis Holding und der BNPP ein Kooperationsabkommen über die Zusammenarbeit im Versicherungsgeschäft vereinbart, das eine Laufzeit bis 2020 hat.

Doch auch dieses wesentlich bessere zweite Kaufangebot wird von vielen Fortis-Aktionären nach wie vor abgelehnt. Allen voran von dem Brüsseler Anwalt Mischael Modrikamen. Er peitscht in seiner Rede in Gent die Aktionäre regelrecht auf, um erneut mit ,,Nein‘‘ zu stimmen. Er favorisiert ein Stand-alone-Szenario für die Fortis Bank. Sie soll Teil der Fortis Holding bleiben. Modrikamen, der nach eigenen Angaben ,,einige tausend‘‘ Fortis-Aktionäre vertritt, hofft, dass der belgische Staat und die BNPP noch mehr Zugeständnisse an die Fortis-Aktionäre machen. Aber ist das realistisch? Er pokert hoch. Modrikamen versuchte auch über eine einstweilige Verfügung die Stimmrechte von rund 5 % des Fortis-Kapitals neuer Fortis-Aktionäre, das zur Fortis Holding delegiert wurden, für nichtig erklären zu lassen. Doch ein Brüsseler Gericht lehnte den Antrag ab.


Nun versucht der Anwalt, sein Anliegen zur Stimmrechtsbegrenzung auf die Tagesordnung setzen zu lassen. Aber er scheitert damit. ,,Der Richter hat gesprochen,‘‘ begründet Verwaltungsratschef De Mey seine Weigerung, die Forderung von Modrikamen zu erfüllen und die Tagesordnung zu ändern.


Kurz vor 14.00 Uhr muss die turbulente Aktionärsversammlung erneut unterbrochen werden. Eine für belgische Verhältnisse sehr kurze Lunch-Pause von nicht einmal einer halben Stunde beginnt. Danach geht es weiter und der Fortis-Aufsichtsrat verkündet, dass alle anwesenden Aktionäre abstimmungsberechtigt sind. Sicherheitsbeamte und Polizeikräfte beziehen vor und hinter dem Podium auf dem das Fortis-Management sitzt, Stellung. Die Stimmung ist weiter gereizt und aggressiv. Kein Wunder, viele der hier anwesenden Fortis-Aktionäre haben ein Vermögen verloren. Viele von ihnen haben die Fortis-Aktien zu Preisen von 20 Euro oder gar 30 Euro je Stück vor Jahren gekauft und sitzen nun auf Papieren, die gerade noch 1,78 Euro wert sind. Viele von ihnen haben ihre Pension verloren, die mit Fortis-Aktien aufgebaut worden war. Denn Fortis war in Belgien über Jahrzehnte hin die Volksaktie schlechthin.

Erst gegen 15.30 Uhr kommen die ersten Fortis-Aktionäre, die mit Ja stimmen und den Verkauf der Fortis Bank an die Franzosen möglich machen wollen, ans Wort. Es sie die Vertreter flämischer und niederländischer Fortis-Aktionäre. Sie sagen: ,,Wir haben die Wahl zwischen der BNP Paribas oder der Unsicherheit.‘‘
Das Hick-Hack zwischen dem Ja- und den Nein-Lager beginnt.


Dann endlich kurz vor 17.00 Uhr die Abstimmung: 72,99 % der anwesenden Fortis-Aktionäre stimmen für den Verkauf an die französische BNPP. Sie verlief allerdings ebenso kurios und bizarr wie die ganze Versammlung. Mehr als 1000 Aktionäre verließen vor der Abstimmung den Saal. Sie boykottierten das Votum. Es war das Nein-Lager, das resignierte. Darunter auch Anwalt Modrikamen.
28.4.2009

 

Einen Tag später in Utrecht, Niederlande:

 

fortis2-verkauf an bnppVerkauf der Fortis-Bank Belgien an die französische BNP Paribas ist  rund

 

Von HELMUT HETZEL

 

Auch die niederländischen Aktionäre der Fortis Holding haben gestern in Utrecht auf einer Generalversammlung dem Verkauf der Fortis Bank Belgien an die französische BNP Paribas (BNPP) zugestimmt. Exakt 77,65 % des angemeldeten Kapitals stimmten gestern in Utrecht für den Verkauf an die Franzosen. Einen Tag vorher, im flämischen Gent, votierten bereits rund 73 % der Fortis-Aktionäre dafür, dass die Fortis Bank Belgien künftig zu 75 % Eigentum der französischen BNPP werden kann. Die Aktionärs-Versammlung in Utrecht verlief weniger tumultuös als die in Gent am Vortag, wo Schuhe und andere Gegenstände auf den Fortis-Vorstand geschleudert worden waren.

Im belgischen Gent waren die Weichen für den Verkauf an die BNPP bereits gestellt worden, so dass die holländischen Fortis-Aktionäre den Verkauf der Fortis Bank Belgien an die Franzosen quasi nur noch abnickten.

Die belgische Regierung, die französische BNP Paribas (BNPP) sowie die Fortis Holding einigten sich im März darauf, dass die Franzosen 75 % der Fortis Bank übernehmen können. Die übrigen 25 % der Fortis Bank Belgien bleiben im Besitz des belgischen Staates. Außerdem verkauft die Fortis Holding 25 % der belgischen Fortis-Versicherungen an die BNPP zum Preis von 1,375 Mrd. Euro. Der Verkauf verbessert die Cash-Position der Fortis Holding per Saldo um eine Mrd. Euro auf 3,4 Mrd. Euro.

Die übrig gebliebene börsennotierte Fortis Holding ist nun ein Versicherungskonzern in dem die belgischen und internationalen Versicherungsaktivitäten der einstigen Fortis-Gruppe untergebracht sind - allerdings ohne die niederländischen.


Die ehemalige Fortis Bank Luxemburg geht nun zu 66 % an die BNPP. Das übrige Drittel bleibt beim luxemburgischen Staat.


Denn der niederländische Staat hatte die Fortis Bank Niederlande, die Fortis Versicherungen Niederlande und den ABN Amrobank-Benelux im vergangenen Oktober für 16,8 Mrd. Euro erworben und verstaatlicht, um einem drohenden Konkurs von Fortis mitten in der Finanzkrise zuvor zu kommen. Doch die Fortis-Aktionäre wurden dadurch quasi durch die Hintertür enteignet.
29.4.2009


/ Textende / Copyright © by HELMUT HETZEL / Den Haag

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, 29. April 2009 um 19:57 Uhr  

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