
,,Nobelpreis für Juristen'' an Paul Lagarde
HM-Gespräch mit Lagarde in Den Haag
Von HELMUT HETZEL
Das Timing war perfekt. Am Internationalen Tag des Friedens, dem 21. September, überreichte der Haager Bürgermeister Jozias van Aartsen den ,,The Hague Prize for International Law‘‘ (Haager Preis für internationales Recht) an den französischen Professor Paul Lagarde. Außer dem Timing war auch der Ort perfekt gewählt. Die Preisverleihung der als ,,Nobelpreis für Juristen‘‘ bezeichneten Auszeichnung fand im Haager Friedenspalast statt, dem Sitz des Internationalen Gerichtshofes (IGH) der UNO in Den Haag. ,,Wir sind stolz darauf, ihnen den diesjährigen The Hague Prize überreichen zu dürfen. Denn sie haben maßgeblich - und maßgeblich hier in Den Haag - an der Entwicklung und Ausgestaltung des internationalen Privatrechts beigetragen,‘‘ würdigte Bürgermeister van Aartsen in fließendem Französisch in seiner Laudatio den französischen Juristen Lagarde. Der ,,Haager Nobelpreis für Juristen‘‘ ist mit 50.000 Euro dotiert. Er wird alle zwei Jahre verliehen und wurde 2002 ins Leben gerufen.
Den Haag - Stadt des Friedens und des Rechts
Der diesjährige Preisträger bedankte sich mit einem historischen
Rückblick auf Den Haag ,,als die Stadt des Friedens und des Rechts, das hier seinen Anfang nahm.‘‘ Heute ist Den Haag die Welthauptstadt der internationalen Gerichtsbarkeit. Alle wichtigen internationalen Gerichte - vom Internationalen UN-Gerichtshof angefangen, über den Internationalen Strafgerichtshof (ICC, International Criminal Court), dem UN-Jugoslawien-Tribunal, bis zu den Tribunalen über den Libanon und Sierra Leona, alle sind sie in Den Haag ansässig.
Große Ehre
,,Für mich ist dies Auszeichnung natürlich eine große Ehre. Ich war völlig überrascht, als ich davon erfuhr, dass ich den diesjährigen Haager Preis für Internationales Recht erhalten soll. Ich konnte es gar nicht glauben,‘‘ sagt Paul Lagarde im Gespräch mit HM HetzelMedia. Was findet er von der Stadt in der er mehr als zehn Jahre geforscht und gelehrt hat? Antwort: ,,Den Haag ist so etwas wie meine zweite Heimat. Sie ist die Hauptstadt der Humanität. Den Haag ist auch eine Stadt der Künste. Ich habe eine sehr emotionale Bindung mit Den Haag.‘‘ Dann fügt der 77jährige Franzose in gutem Deutsch hinzu: ,,Ich finde Den Haag sehr gemütlich.‘‘

Paul Lagarde - Preisträger ,,The Hague Prize for International Law 2011''
Das internationale Recht, das in der Haager Konferenz (Haagse Akkorden) seit 1893 entwickelt wurde und wird, behandelt knifflige Fälle beispielsweise des internationalen Erbrechts, der Adoption von Kindern oder sogar der von Kindesentführung. Es regelt, ob die Gesetze eines Landes - beispielsweise beim Erbrecht - auch in einem anderen Land Gültigkeit haben und angewendet werden können.
Wir konfrontieren Preisträger Professor Lagarde auch mit dem jüngsten Entführungsfall von zwei deutschen Kindern nach Libyen. Dabei geht es darum, dass der Libyer Ali H. die gemeinsamen Töchter, die er mit seiner Berliner Freundin Samantha hat, Nadja (4) und Miriam (7) nach Libyen entführt hat. Die deutsche Mutter der beiden entführten Kinder hat von einem deutschen Gericht das Sorgerecht für sie zugesprochen bekommen.
Ein typischer Fall - zwischen Libyen und Deutschland
Es ist ein typischer Fall für das Fachgebiet des französischen Professors und Preisträgers. Er will aber keine Antwort geben, sagt nur: ,,Diesen Fall müsste ich mir erst genauer ansehen, bevor ich mich dazu äußere. Ich kenne die Details nicht.‘‘
Dazu äußern dagegen will sich der Direktor des Internationalen Gerichtshofs und Chef der Carnegie Stiftung Steven van Hoogstraten. Er sagt zu dem aktuellen Kinderentführungsfall: ,,In Libyen herrscht derzeit natürlich Chaos. De facto muss der libysche Staat neu aufgebaut werden. Aber de jure sei Libyen nach dem in der Haager Konferenz formulierten internationalen Recht verpflichtet, die beiden entführten Kinder nach Deutschland ausreisen zu lassen, weil deren deutsche Mutter das Sorgerecht für sie hat.‘‘
Das klingt zwar alles ganz gut und ist juristisch einwandfrei begründbar. Nur in der aktuellen Situation in Libyen hat die dortige Übergangsregierung, die noch immer gegen die letzten dem Diktator Muammar Gaddafi treuen Truppen kämpft, wohl derzeit andere Probleme als das Haager internationale Recht zu implementieren.
Dennoch liefert das Haager internationale Recht einen wichtigen Beitrag für den humanitären und zivilisierten Umgang zwischen Staaten und zwischen Bürgern bei grenzüberschreitenden juristischen Streitfällen. Das gilt insbesondere für das Adoptionsrecht. Aber auch dann, wenn Opa und Oma, die in einem europäischen Land leben, beispielsweise ihren Kindern oder Enkeln, die in die USA oder nach Australien ausgewandert sind, als Erben einsetzen, dann greift das Haager internationale Recht, wie es von der Haager Konferenz festgelegt wurde. Vorausgesetzt die jeweiligen Länder haben es parlamentarisch abgesegnet und ratifiziert. Nur dann nämlich kann das Recht eines Landes auch in einem anderen Land angewendet werden.
Links:
http://www.denhaag.nl/the-hague-prize.htm
22.09.2011
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