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Karel van Miert - ein großer Europäer ist tot

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Ein großer Europäer

Karel van Miert - ein großer Europäer

Zum Tode von Karel van Miert

Von HELMUT HETZEL

Brüssel. Ein großer Europäer ist tot. Der einstige EU-Kommissar und Mitbegründer der flämischen Sozialistischen Partei (SP) Karel van Miert kam bei einem tragischen Unfall ums Leben. Der 67jährige stürzte von der Leiter, als er wieder einmal seinem geliebten Hobby nachging und sich als Obstgärtner betätigte. Denn nach seinem Rückzug aus der Politik 1999 erfüllte sich der polyglotte Flame einen Jugendwunsch. Er kaufte sich einen 1,5 Hektar großen Obstgarten in seiner flämischen Heimat. Sein Hobby als Obstgärtner wurde ihm nun zum Verhängnis.

1993 war Karel van Miert auf dem Höhepunkt seiner eindrucksvollen politischen Karriere angelangt. Er wurde, nachdem er bereits seit 1989 EU-Kommissar für Transport gewesen war, zum EU-Wettbewerbskommissar berufen. In dieser Funktion war er der Vorgänger der heutigen niederländischen EU-Kommissarin Neelie Kroes mit der er damals eigentlich den Job tauschte. Frau Kroes ging nach Brüssel. Der Flame Karel van Miert in die Niederlande. Dort übernahm er die Funktion, die wegen des Weggangs von Neelie Kroes vakant geworden war. Karel van Miert wurde Rektor der renommierten niederländischen Elite-Universität Nyenrode. Als EU-Wettbewerbskommissar war er aber mindestens genau so hart wie es Nelie Kroes heute ist. Er teilte Bußgelder wegen Kartellbildung oder Preisabsprachen aus und scheute sich auch nicht, sich mit großen internationalen Konzernen wie Boeing, der französischen Großbank Credit Lyonnais oder dem deutschen Multimediakonzern Bertelsmann anzulegen.


Eigentlich wollte Karel van Miert gar nicht in die Politik. Der am 17. Januar 1942 in Oud-Turnhout als ältester Sohn eines Bauern mit später noch neun Geschwistern geborene van Miert wollte nämlich das Erbe seines Vater antreten. Er wollte Landwirt werden. Deshalb brach er auch mit 16 Jahren seine Schulausbildung ab, um auf dem heimischen Hof zu arbeiten. Familienstreitigkeiten aber verhinderten sein Vorhaben. Er jobbte zunächst als Elektriker und beschloss dann, wieder Schulbank zu drücken. Dann ging es Schlag auf Schlag. Nach seinem Schulabschluss studierte er im flämischen Gent politische Wissenschaft - Schwerpunkt Diplomatie - und absolvierte dann eine ähnliche Ausbildung in Frankreich. 1967 bis 1968 Praktikum bei der Europäischen Kommission als ,,Trainee.‘‘

Karel van Miert als Hobbygärtner

 

                 Karel van Miert war ein begeisterter Hobbygärtner


Da ist er wohl auf den Geschmack gekommen, der Europa heißt. Van Miert stellte fest, was für ein großartiges Projekt der europäische Einigungsprozess ist. Es folgte ein kurzer wissenschaftlicher Ausflug als Forscher an die Universität von Brüssel (1971-1973). Dann verschiedene mehr administrative politische Tätigkeiten für verschiedene belgische Minister wie etwa Willy Claes (Wirtschaft, 1977) oder für den damaligen Vize-Präsidenten der EU-Kommission Henri Simonet sowie den niederländischen EU-Landwirtschaftskommissar Sicco Mansholt.
Bevor er endgültig in die europäische Politik wechselte, stand Karel van Miert an der Wiege bei der Gründung der flämischen Sozialistischen Partei (SP), die heute unter SP.A firmiert. Über die Jungsozialisten, die sich damals die ,,roten Löwen‘‘ nannten und zu denen auch spätere SP-Größen wie Louis Tobback, Willy Claes oder Luc van den Bossche gehörten, stieg Karel van Miert 1978 zum ersten Vorsitzenden der neuen flämischen SP auf. Das blieb er bis 1989. Von 1986 bis 1992 war van Miert außerdem Vize-Präsident der Sozialistischen Internationale und von 1979 bis 1985 Mitglied im Europäischen Parlament.


Dann rief Europa, rief die EU-Kommission wieder: 1989 EU-Kommissar für Transport. Vier Jahre später EU-Wettbewerbskommissar. Aus dem Landwirtssohn, der von manchem lange als ,,le petit Belge‘‘ - der kleine Belgier - verspottet wurde, war einer der mächtigsten EU-Politiker geworden.
Im persönlichen Umgang war van Miert ein freundlicher und höflicher, mit Humor gesegneter Mensch, der sich auch immer ein offenes Ohr für die Sorgen der so genannten ,,kleine Leute‘‘ bewahrt hatte. Er war aber auch ein Visionär, der an der Einigung Europas in seinem Land und auf der EU-Bühne eifrig mitarbeitete, sie nie aus den Augen verlor und sie tatkräftig mitgestaltete.

Der plötzliche Tod von Karel van Miert hat viele Belgier aber auch viele Europäer geschockt.
,,Er hat seinen Elan nie verloren,‘‘ sagt Parteifreund Louis Tobback über van Miert. Der belgische Ministerpräsident Herman van Rompuy meinte: ,,Ich verliere einen Freund.‘‘ Der belgische Ex-Premier Jean-Luc Dehaene drückte aus, was viele dachten, als sie vom Tod von Karel van Miert erfuhren: ,,Das ist ein schwerer Verlust für unser Land und für Europa.‘‘
23.6.2009

/ Textende / Copyright © by HELMUT HETZEL / Den Haag /

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, 24. Juni 2009 um 11:30 Uhr  

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