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Shanghai Baby

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Shanghai  Trance

oder Shanghai  Baby?

Niederländischer Regisseur beugt sich der chinesischen Zensur

 


Von HELMUT HETZEL

Den Haag. Die Szenen sind harmlos.In  jedem freien Land können sie  gezeigt werden. Aber nicht in China. Etwa die: Ein Nachtclubbesitzer bittet eine junge Chinesin, ihr Oberteil zu lüften. Er will ihren Busen begutachten, um festzustellen, ob sie sich als Stripperin eignet. Sie tut es. Er guckt und stellt sie ein. Oder diese: Eine chinesische Familie beim Essen. Es gibt Fisch. Die Gräten,
die dabei unversehens im Mund landen, werden ausgespuckt. Nichts Besonderes. Fast überall in China macht man das so. Oder diese: Weitwinkelaufnahmen von den unendlichen Straßenschluchten zwischen den modernen Wolkenkratzern von Shanghai, dem chinesischen Manhattan, das in den vergangenen 20 Jahren aus dem Boden gestampft wurde.

Das sind drei Szenen aus dem Film: Shanghai Trance des jungen niederländischen Regisseurs David Verbeek. Er drehte den Film ausschließlich in Shanghai, der derzeit wohl aufregendsten Stadt auf der Erde. Shanghai ist hot, Shanghai ist ein Hotspot. Shanghai ist wieder ähnlich wie in den 20iger und 30iger Jahren des letzten Jahrhunderts, nur nun ebeb postmodern und eine High-Tech-City.

Das weiß wohl auch die chinesische Zensur. Denn sie schickte dem niederländischen Regisseur, der Shanghai in seinem Film so darstellt, wie die Stadt heute ist, ein ellenlanges Fax mit darin unzähligen Zensurvorschriften. Sie alle müssen durchgeführt werden, sonst wird der Film in chinesischen Kinos nicht zu sehen sein, drohen die Pekinger Zensoren. Sogar die Szene in der zwei chinesische Jugendliche Flusskrebse mit einer Schere mundgerecht zusammenschneiden, um sie dann in den Wok zu werfen zu braten, sie muss raus aus dem Film, so lautet die ,,Final-Cut-‘‘ Zensuranweisung aus Peking. Gut, die Flusskrebse leben noch, als sie zerschnitten werden, aber auch das ist im Reich der Mitte nicht Ungewöhnliches, sie so zuzubereiten. Darüber würden sich in freien Ländern wahrscheinlich die Tierschützer zurecht empören. Aber niemand käme doch auf die Idee, zu fordern, dass eine solche Szene aus dem Film geschnitten werden müsse. Die Zensoren in Peking aber sehen das anders.
Zum Schluss ihrer harten Zensurvorschriften für eine Aufführung des niederländischen Films ,,Shanghai Trance‘‘ im Reich der Mitte, erdreisten sich die kommunistischen Zensurmachthaber auch noch, dem niederländischen Filmemacher vorzuschreiben, dass der Titel des Filmes geändert werden müsse. Nur dann hätte der Film überhaupt eine Chance in chinesische Kinos zu kommen. Aus ,,Shanghai Trance‘‘ müsse ,,Der Traum am Meer‘‘ werden.
Regisseur Verbeek ist geschockt, aber trotzdem nicht ganz unempfindlich für die chinesischen Zensurwünsche, die selten so knallhart und so öffentlich gegenüber einem westlichen Filmemacher geäußert worden sind. Denn Verbeek will, dass sein Shanghai-Film auch in den chinesischen Kinos gezeigt wird. ,,Ich weiß nicht, was ich machen sollen,‘‘ klagt der Filmemacher in der Zeitung ,,de Volkskrant.‘‘ Soll er eine zweite zensierte Fassung montieren, nur für den chinesischen Markt? Verbeek ist hin- und hergerissen. Der Zensur nachgeben, das wäre die Aufgabe der künstlerischen Freiheit. Nicht nachgeben, das wäre ein Akt der Verteidigung eben dieser Freiheit, hätte aber zur Folge, dass der Film in China nicht in die Kinos käme.
Es scheint so, als seien die kommunistischen Diktatoren und Zensoren in Peking nach den Vorfällen, die sich in Tibet ereigneten und den protibetanischen Demonstrationen während der Reise des Olympischen Feuers rund um die Erde hypernervös geworden. Die Olympischen Spiele scheinen der chinesischen Bevölkerung nicht mehr Freiheit, sondern eher mehr Repression zu bringen, das berichtet auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Doch außer diesem sportlichen Großereignis, das am 8.8.2008 in Peking starten soll, wirft wohl in Sachen des holländischen Shanghai-Films noch ein anderes Ereignis seine Schatten voraus. Es ist die Welt-Expo. Sie soll im Jahr 2010 nämlich in Shanghai stattfinden.
Also müssen Filme, die das wirkliche und pralle Leben in Shanghai zeigen, jetzt schon ,,geschönt‘‘ werden, scheinen sich die chinesischen Zensoren zu denken.
Für David Verbeek gibt's eigentlich nur eins. Der chinesischen Zensur nicht nachgeben. Dem Vorbild von Wei Hui (Shanghai Baby) folgen. Seinen Film auf DVD in China verbreiten, wo die Meister im Kopieren beheimatet wird. Sein Film wird im Reich der Mitte dann sicher im Untergrund so massenhaft verbreitet
werden wie der Roman ,,Shanghai Baby‘‘ von Wei Hui. Nachdem der nämlich in China öffentlich verbrannt worden und verboten worden war, kursierten im Nu Zehntausende von Fotokopien davon im ganzen Land. Es wurden immer mehr, die unter der Hand weiter gereicht wurden. Mit den DVD's von David Verbeek's Film Shanghai Trance würde es wohl nicht anders sein, wenn er standfest bleibt und sich den Zensurvorschriften der kommunistischen Besserwisser nicht beugt. Aber er hat es letzendlich doch getan.

Ironie der Geschichte. Die Inhalte des Romans ,,Shanghai Baby‘‘ und die des Films ,,Shanghai Trance‘‘ sind sich recht ähnlich. Sie habe eins gemein. Sie spiegeln die Wirklichkeit dieser faszinierenden 22 Millionen-Menschen-Metropole am Huang Pu-Fluss treffend wider. Jeder Film anders.

Es ist eine Wirklichkeit, die die chinesischen Zensoren nicht zeigen lassen wollen, weil sie ihnen nicht gefällt.

Aber Shanghai Baby ist die echte und und auch filmisch viel besser umgesetzte Version von Shanghai heute. Sie ist nämlich unzensiert.

 

 

Interview mit Bai Ling

 

 

15.4.2008

/ Textende / Copyright © by HELMUT HETZEL / Den Haag /

Zuletzt aktualisiert am Freitag, 13. November 2009 um 21:40 Uhr  

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