Markus Lüpertz in Den Haag
Montag, 27. Juni 2011 um 18:47 Uhr
Helmut Hetzel

,,Die Unterhaltungsindustrie ist die völlige Verblödung‘‘
Markus Lüpertz in Den Haag
HM-Gespräch mit dem großen deutschen Maler und Bildhauer
Von HELMUT HETZEL
Markus Lüpertz hält Hof. Der deutsche ,,Malerfürst‘‘ wie ihn manche nennen, ist in Den Haag anlässlich der Eröffnung der großen Übersichtsausstellung über sein Werk im renommierten Gemeentemuseum (GEM). Titel der Ausstellung: ,,Im göttlichen Licht.‘‘
Der Andrang zur Ausstellungseröffnung ist riesig. Alles, was in der Haager und der niederländischen Kunstszene Rang und Namen hat, gibt dem 70jährigen Markus Lüpertz die Ehre. Der genießt es sichtlich als Museumsdirektor Benno Tempel ihn als ,,den König der Maler‘‘ bezeichnet oder als RWE-Chef Jürgen Großmann Lüpertz als einen ,,ganz Großen, als einen Genie‘‘ darstellt. RWE sponsert die Lüpertz-Retrospektive. Als Genie sieht sich Lüpertz übrigens auch selbst. Er meint, die Künstler haben gemeinsam mit Gott die Welt erschaffen.
Oder: ,,Die Künstler sind die Creme de la Creme. Alles andere sind Zwerge.‘‘ Und: ,,Es gibt nur ein Leben und das kann man nur als Künstler leben.‘‘
watch:
http://www.youtube.com/watch?v=Y0qP726neCU
Mit solch kernigen Aussagen schafft sich Markus Lüpertz nicht nur Freunde. Sein Selbstbewußtsein und seine Art, von manchem als arrogant verkannt, machen Lüpertz umstritten. Aber Kunst und Künstler müssen provozieren, zum Nachdenken anregen. Reflexionen auslösen. In Salzburg mögen manche Lüpertz nicht, weil er eine angeblich eine ,,obzöne‘‘ Skulptur von Mozart schuf. In Deutschland legt sich Lüpertz gern mit bestimmten Medien an, besonders mit denen, die Lüpertz ,,kategorisieren‘‘ und ,,eintüten,‘‘ ihn in eine Schublade stecken wollen. Dabei ist der große Maler und Bildhauer im persönlichen Gespräch ein sehr charmanter, ideenreicher, liebenswürdiger und humorvoller Mensch. Markus Lüpertz ist überhaupt nicht arrogant.
Wir fragen ihn: Was ist Malerei? Antwort: ,,Die Malerei ist es, die den Menschen die Welt erklärt. Die Malerei ist es, die den Menschen die Welt begreifbar macht. Wenn man einen Sonnenuntergang sieht, wird man an den britischen Maler William Turner denken. Caspar David Friedrich hat uns gelehrt, Landschaften zu begreifen und Sehnsüchte zu erleben. Das Bild von einem Baum im Winter ist unlöslich mit Edvard Munch verbunden. Ohne die Kunst, ohne die Malerei hätten die Menschen die Welt mit all ihren Aspekten nie so sehen können wie sie ist.‘‘
Über seinen eigenen Stil will Markus Lüpertz keine konkreten Angaben machen. Er will sich nicht eintüten lassen. ,,Jedes meiner Bilder ist einzigartig und steht für sich selbst. Ich will mich nicht kategorisieren lassen. Aber ich stehe in der Tradition der europäischen Malerei. Ich unterscheide mich klar vom konkreten Malen der Amerikaner á la Roy Lichtenstein. Jedes meiner Bilder ist singulär. Es ist immer ein Ausdruck von Sehnsucht, von Verzweiflung, es beinhaltet immer auch das Risiko, zu versagen und das Streben nach Vollendung. In Europas Kunst und in Europas Malerei gehört das Scheitern und das Unvollendete mit zur Kunst. Es ist Teil der Kunst. Das zeigt schon ein Torso in der Antike. Rodin hat den Torso zur Vollendung gebracht. Deshalb hat mein Herkules auch nur einen Arm.‘‘
,,Sein Herkules‘‘ das ist eine riesige 16 Meter hohe Skulptur, die Markus Lüpertz auf einer alten Zeche in Gelsenkirchen platziert hat. Sein Herkules - mit blauen Bart, knallroten Lippen und nur einem Arm - ist sein Beitrag zur Kulturhauptstadt Ruhrgebiet in 2010 gewesen. 35 Tonnen wiegt der Herkules mit dem überdimensionierten Kopf. ,,Der Kopf des Herkules musste so groß ausfallen, weil Herkules auf einem Zechenturm steht. Wäre er kleiner gewesen, hätte man den Kopf von unten zu Herkules hinaufblickend gar nicht mehr erkennen können,‘‘ erläutert Lüpertz das Konzept seiner Herkules-Statue. Er hat sie in drei Teilen erstellt und die Teile erst am Ende zusammengefügt. ,,Anders hätte ich diese Herkules-Skulptur nie in dieser Größe machen können,‘‘ sagt er.
Das Genie
Sehr kritisch äußert sich Lüpertz, der von 1988 bis 2009 Rektor und Professor an der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf war, über die Rezeption der Malerei heutzutage. ,,Mit der Malerei ist es in gewisser Weise wie mit der Literatur und mit den Büchern. Es werden zwar immer mehr Bücher gekauft, aber es wird immer weniger gelesen.‘‘ Mit Gemälden sei das ähnlich. ,,Früher hängte man sich einen röhrenden Hirsch ins Wohnzimmer, heute ein Foto von Marilyn Monroe oder man schaut sich Videos an. Der visuelle Terror ist total. Die Unterhaltungsindustrie ist die völlige Verblödung. Die Technik ist dabei, sich selbst zu besiegen.‘‘ Markus Lüpertz, der sich selbst wie eine Ikone der Malerei stilisiert und sich optisch durch einen Kleidungsstil in Szene setzt auf den Karl Lagerfeld noch neidisch werden könnte, ist der Harry Mulisch der Malerei. Harry Mulisch (,,Die Entdeckung des Himmels‘‘) und Markus Lüpertz (Neo-Expressionist) haben viel gemein. Mulisch, der am 30. Oktober 2010 im Alter von 83 Jahren verstarb, pflegte zu sagen: ,,Ich bin unsterblich und der größte Schriftsteller,‘‘ Markus Lüpertz sagt: ,,Ich bin ein Genie.‘‘
Beide haben sie Recht. Beide sind sie Genies. Der eine als Schriftsteller, der andere als Maler und Bildhauer. Beide behaupten sie auch: ,,Als Künstler wird man geboren. Man ist es oder man ist es nicht.‘‘
Markus Lüpertz: ,,Im göttlichen Licht - In´t God‘lijk licht, In Divine Light‘‘ Den Haag, Gemeentemuseum bis 2. Oktober 2011.
LINK:
www.gemeentemuseum.nl
27.6.2011
/ Textende / Copyright © by HELMUT HETZEL / Den Haag
Zuletzt aktualisiert am Dienstag, 28. Juni 2011 um 08:04 Uhr
Niederlande-Deutschland: Eine Liebe
Dienstag, 14. Juni 2011 um 12:20 Uhr
Helmut Hetzel

Spielungen - eine deutsch-niederländische Ferienliebe
HM-HetzelMedia-Interview mit Jochen Bläsing (EmeritusB) über seinen Roman SPIELUNGEN
Mit Bläsing sprach in Den Haag Helmut Hetzel
F: Herr Professor Bläsing, Sie haben einen Roman über eine deutsch-niederländische Liebe geschrieben. Verraten Sie uns bitte etwas über den Inhalt.
A: Gern. Kern meines Romans ist in der Tat die Liebe zwischen einem neunzehnjährigen Abiturienten aus dem noch halb in Trümmern liegenden Berlin und Annemieke, der Tochter eines vermögenden niederländischen Intellektuellen. Die beiden jungen Leute haben sich zufällig in Paris kennengelernt, und das Besondere daran ist, daß ihre Beziehung, im Grunde eine typische Ferienliebe, eben nicht, wie so häufig, nach dem Urlaub an den widrigen Umständen des Alltags scheitert, die in ihrem Fall zudem besonders schwer wiegen mögen.
F: Als da waren? A: Nun, unter anderem die viele hunderte Kilometer große Distanz zwischen Berlin und Haarlem, während des Kalten Krieges eine Bahnreise von nicht weniger als zwölf Stunden, dann die andere Sprache und Kultur sowie das ganz unterschiedliche soziale Gefüge ihrer Familien. Vergessen darf man auch nicht die damals noch stärker als heute herrschende Animosität in den Niederlanden gegen alles aus dem Land der ehemaligen Besatzer.
F: Ihr Roman trägt starke autobiographische Züge. Ist es eine Art Familiensaga? A: So könnte man es sehen, ja. Neben dem romantischen Kern enthält das Buch allerdings auch zahlreiche Highlights wie etwa das heldenhafte Auftreten zweier niederländischer SS-Leute im Berlin der Stunde Null oder die späteren freundschaftlichen Kontakte zu Prinz Claus. Alles ist eingebettet in die berlinerseits trotz aller Nachkriegswirren erstaunlicherweise recht normale, holländischerseits jedoch dramatische Familiengeschichte.
F. Das stimmt schon neugierig. Wann wird das Werk erscheinen? A: Mitte Juni, das hängt entscheidend davon ab, wie schnell mein Verlag mit den Korrekturen der Druckproben fertig wird.

Zweisprachiger Roman
F: Ihr Roman ist zweisprachig. Niederländisch und Deutsch. Warum das? A: Zu etwa gleichen Teilen, ja, meine Frau hält das nach wie vor für ziemlich bescheuert, und vielleicht hat sie sogar recht. Und doch, ach, das hat sich einfach so ergeben, für mich sogar aus verschiedenen Gründen zwingend, die ich im Vorwort verantworte. Hier sei auf den natürlichen, ja, logischen Fluss der Erzählung hingewiesen, der meines Erachtens empfindlich gestört worden wäre, hätte sich die Ich-Person von Anfang bis Ende nur einer Sprache bedient. Zudem bedingt jede Übersetzung unbestreitbar einen Verlust an Authentizität und geht dabei sprachlich Einzigartiges verloren. Beides wollte und konnte ich vermeiden. So ist es eben in erster Linie ein Buch für zumindest einigermaßen zweisprachige Leser geworden. Kein Problem, so meine ich, denn davon gibt immer noch reichlich in den Niederlanden und in den angrenzenden deutschen Bundesländern.
F: Sie waren in den neunziger Jahren bis zu Ihrem Emeritat im Jahre 2001 Professor für niederländisch-deutsche Wirtschaftsbeziehungen an der Universität von Tilburg. Wie haben sich die deutsch-niederländischen Beziehungen in den zurückliegenden Jahren entwickelt und verändert. Sind sie noch ausbaufähig? A: Ich meine, daß die heutigen Beziehungen ganz allgemein von immer mehr gegenseitigem Respekt für die spezifischen Leistungen des Partnerlandes, ja, zunehmend auch von freundschaftlichem Verständnis geprägt werden. Sicherlich gibt es bisweilen noch allerlei Aufgeregtheiten und Rückfälle in die verständlichen Verkrampfungen von gestern, aber generell überherrscht jetzt meiner Meinung nach auch auf der niederländischen Seite wohltuende Gelassenheit. Zu den Wirtschaftsbeziehungen zwischen beiden Ländern ist zu sagen, dass sie seit langem ausgezeichnet sind, was aber nicht bedeutet, dass sie nicht noch ausgezeichneter sein könnten. Beispielsweise wenn insbesondere niederländische Unternehmer sich etwas gezielter auf ihre ureigendsten Marktvorteile besinnen würden, d.h. neben der sprichwörtlichen Weltoffenheit ihrer traditionell guten Sprachkenntnisse. Auch dazu finden sich in dem Roman einige Passagen. Auf dem für Holland (über)lebenswichtigen deutschen Markt lassen sich einzigartige Produkte natürlich auch auf Englisch oder Armenisch verkaufen, wer aber u.a. Tomaten und Fahrräder anbieten und kein Deutsch sprechen will, verschenkt von vornherein riesige Marktanteile. Nach Schätzungen aus den 90er Jahren geht es dabei um Milliarden.
F: Was ist für Sie typisch deutsch? A: Da stimme ich einer Bemerkung meines niederländischen Schachfreundes zu, der mir just dieser Tage neidlos eine typisch deutsche Eigenschaft attestierte, wie sie beispielsweise auch deutschen Fußballern bescheinigt wird, nämlich trotz eigentlich schon verlorener Stellung weiterzukämpfen und so nicht selten doch noch die Partie zu gewinnen.
F: Haben Sie noch einen deutschen Pass? A: Ja, und zwar nur diesen. Vor einigen Jahrzehnten habe ich einmal eine doppelte Staatsangehörigkeit erwogen, um unserem in Tilburg geborenen Sohn die möglicherweise drohende Wehrpflicht in der Bundesrepublik zu ersparen. Den entsprechenden Antrag haben die Holländer allerdings schon im Vorfeld abgelehnt, und ein gänzlicher Wechsel kam für mich von vornherein nicht in Frage. Zum Glück erwiesen sich meine Befürchtungen später als unbegründet.
Über den Autor:
Jochen Bläsing (alias EmeritusB, Berlin 1940) verfasste eine Reihe von Monographien und Artikeln in Fachzeitschriften. Neben seiner Tätigkeit als Wissenschaftler war er immer als Jazzmusiker aktiv (Klavier/Klarinette in Berlin, Klavier/Keybord und Trompete in Holland) sowie belletristisch tätig. Seinen ersten Roman Spiegel böser Seligkeit (unveröffentlicht) schrieb er parallel zu seiner 1973 in Leiden herausgegebenen Dissertation. Er lebt mit seiner Frau in der Nähe von Haarlem und Berlin.
Jochen Bläsing: Spielungen, Verlag: Free Musketeers, Zoetermeer 2011, 494 Seiten, 29,95 Euro, ISBN: 978-90-484-1855-8. Erscheinungstermin: 15. Juni 2011
14.6.2011
Zuletzt aktualisiert am Dienstag, 14. Juni 2011 um 15:16 Uhr
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Markus Lüpertz - der Harry Mulisch der Malerei
Donnerstag, 27. Januar 2011 um 15:59 Uhr
Helmut Hetzel

Markus Lüpertz - der Harry Mulisch der Malerei
Große Ausstellung im Museum Würth in Den Bosch - Gespräch mit dem großen deutschen Maler
Von HELMUT HETZEL
,,Ich freue mich immer, wenn ich meine Bilder, die ich gemalt habe, wieder sehe.'' Die Freude ist Markus Lüpertz anzusehen. Sie steht ihm förmlich ins Gesicht geschrieben, als er viele seiner Bilder - und einige seiner Skulpturen - anlässlich der Ausstellungs-Eröffnung im Museum Würth im niederländischen `s-Hertogenbosch (Den Bosch) wieder sieht. Gerne posiert er für die Fotografen vor seinen Werken, die in Den Bosch im Museum Würth noch bis zum 25. September zu bewundern ist. ,,Ja, ein bisschen Werbung für mich darf ich doch noch machen,‘‘ sagt er zu einem der Fotografen, der den Künstler vor seinen Gemälden immer wieder in neuen Positionen haben will, um das optimale Foto zu bekommen.
Entspannt, angeregt und mit intellektuell anspruchsvollen Reflexionen über die Malerei anno domini 2011 und die Malerei an sich empfängt der 70jährige dann Gäste und Journalisten in der Galerie Würth in Den Bosch zu einem Gedankenaustausch.
Lüpertz legt im Gespräch mit HM HetzelMedia gleich richtig los: ,,Die Malerei ist es, die den Menschen die Welt erklärt. Die Malerei ist es, die den Menschen die Welt begreifbar macht.
Wenn man einen Sonnenuntergang sieht, wird man an den britischen Maler William Turner denken. Caspar David Friedrich hat uns gelehrt, Landschaften zu begreifen und Sehnsüchte zu erleben. Das Bild von einem Baum im Winter ist unlöslich mit Edvard Munch verbunden. Ohne die Kunst, ohne die Malerei hätten die Menschen die Welt mit all ihren Aspekten nie so sehen können wie sie ist.‘‘
Über seinen eigenen Stil will Markus Lüpertz keine konkreten Angaben machen. Er will sich nicht eintüten lassen. ,,Jedes meiner Bilder ist einzigartig und steht für sich selbst. Ich will mich nicht kategorisieren lassen. Aber ich stehe in der Tradition der europäischen Malerei. Ich unterscheide mich klar vom konkreten Malen der Amerikaner á la Roy Lichtenstein. Jedes meiner Bilder ist singulär. Es ist immer ein Ausdruck von Sehnsucht, von Verzweiflung, es beinhaltet immer auch das Risiko, zu versagen und das Streben nach Vollendung. In Europas Kunst und in Europas Malerei gehört das Scheitern und das Unvollendete mit zur Kunst. Es ist Teil der Kunst. Das zeigt schon ein Torso in der Antike. Rodin hat den Torso zur Vollendung gebracht. Deshalb hat mein Herkules auch nur einen Arm.‘‘
Herkules Blaubart
,,Sein Herkules‘‘ das ist eine riesige 16 Meter hohe Skulptur, die Markus Lüpertz auf einer alten Zeche in Gelsenkirchen platziert hat. Sein Herkules - mit blauen Bart, knallroten Lippen und nur einem Arm - ist sein Beitrag zur Kulturhauptstadt Ruhrgebiet in 2010 gewesen. 35 Tonnen wiegt der Herkules mit dem überdimensionierten Kopf. ,,Der Kopf des Herkules musste so groß ausfallen, weil Herkules auf einem Zechenturm steht. Wäre er kleiner gewesen, hätte man den Kopf von unten zu Herkules hinaufblickend gar nicht mehr erkennen können,‘‘ erläutert Lüpertz das Konzept seiner Herkules-Statue. Er hat sie in drei Teilen erstellt und die Teile erst am Ende zusammengefügt. ,,Anders hätte ich diese Herkules-Skulptur nie in dieser Größe machen können,‘‘ sagt er.
Sehr kritisch äußert sich Lüpertz, der von 1988 bis 2009 Rektor und Professor an der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf war, über die Rezeption der Malerei heutzutage. ,,Mit der Malerei ist es in gewisser Weise wie mit der Literatur und mit den Büchern. Es werden zwar immer mehr Bücher gekauft, aber es wird immer weniger gelesen.‘‘ Mit Gemälden sei das ähnlich. ,,Früher hängte man sich einen röhrenden Hirsch ins Wohnzimmer, heute ein Foto von Marilyn Monroe oder man schaut sich Videos an. Der visuelle Terror ist total. Die Unterhaltungsindustrie ist die völlige Verblödung. Die Technik ist dabei, sich selbst zu besiegen.‘‘
Markus Lüpertz, der sich selbst wie eine Ikone der Malerei stilisiert und sich optisch durch einen Kleidungsstil in Szene setzt auf den Karl Lagerfeld noch neidisch werden könnte, ist der Harry Mulisch der Malerei. Harry Mulisch (,,Die Entdeckung des Himmels‘‘) und Markus Lüpertz (Neo-Expressionist) haben viel gemein. Mulisch, der am 30. Oktober 2010 im Alter von 83 Jahren verstarb, pflegte zu sagen: ,,Ich bin unsterblich und der größte Schriftsteller,‘‘ Markus Lüpertz sagt: ,,Ich bin ein Genie.‘‘
Beide haben sie Recht. Beide sind sie Genies. Der eine als Schriftsteller, der andere als Maler und Bildhauer. Beide behaupten sie auch: ,,Als Künstler wird man geboren.‘‘
Der Maler und der Fußball
Aber anders als Harry Mulisch ist Markus Lüpertz beispielsweise ein großer Fußball-Fan und war er - bevor er durch einen Autounfall sich das rechte Knie verletzte - ein begeisterter Fußballspieler. ,,Ich bin Schalke-Fan, aber auch Mitglied beim KSC in Karlsruhe,‘‘ sagt Lüpertz stolz. Denn ,,Karlsruhe war für mich die erste Freiheit. Diese Stadt und die Möglichkeiten, die sie mir gab, knipsten das Licht an und sie wärmte mich mit ihrem südlichen Charme,‘‘ stellte Lüpertz 1988 fest, als er dort im lieblichen Karlsruhe lebte. Harry Mulisch dagegen mochte den Fußball nicht so sehr. Er war ein Fan von ,,Blondie‘‘ und der Popmusik. Und anstatt in Karlsruhe war Mulisch lieber in Wien, wenn er nicht in Amsterdam im Grand Café des Hotel Americain weilte.
Die Kunst von Markus Lüpertz im Museum von der Fabrik Würth ist noch bis 27. September bei Würth in Den Bosch zu sehen.
Im Juni 2011 wird das Haager Gemeendemuseum eine große Übersichtsausstellung der Werke von Markus Lüpertz präsentieren. ,,Das wird ein Highlight‘‘ freut sich der Künstler heute schon auf die Ausstellung.
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Über die Würth-Gruppe, Hauptsitz Künzelsau, Baden-Württemberg
Die Würth-Gruppe ist heute der weltweit größte Hersteller und Anbieter von Montage- und Befestigungstechnik und -Technologie. Sie bietet mehr als 100.000 Produkte an, beschäftigt weltweit 62.433 Mitarbeiter und konnte in 2010 den Umsatz um 14,2 % auf 8,6 Mrd. Euro steigern. Das Betriebsergebnis für 2010 wird nach Angaben des Konzerns in 2010 zwischen 380 Mio. und 400 Mio. Euro liegen. Die Kunstsammlung von Firmenchef Reinhold Würth ist eine der bedeutendsten in ganz Europa.
Links:
www.wuerth.com
www.wurth.nl; www.wurth.nl/kunstlocatie
Sonntags von 11-17.00 Uhr, Eintritt frei.
Adresse: Het Sterrenbeel 35, Den Bosch
23.1.2011
/ Textende / Copyright © by HELMUT HETZEL / Den Haag
Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, 27. Januar 2011 um 18:45 Uhr
Harry Mulisch ist tot
Montag, 01. November 2010 um 15:45 Uhr
Helmut Hetzel

Harry Mulisch erlag einem Krebsleiden
Der niederländische Schriftsteller war ein literarisches Monument
Von HELMUT HETZEL
Den Haag. Der weltberühmte niederländische Schriftsteller Harry Mulisch ist tot. Der 83jährige starb am Samstagabend, den 30. Oktober 2010 um 20 Uhr im Kreise seiner Familie in seinem Haus in Amsterdam, so teilte sein Verlag ,,De Bezige Bij‘‘ am Sonntag, dem 31. Oktober mit. Mulisch erlag einem Krebsleiden, an dem er seit Monaten litt.
Weltberühmt wurde Harry Mullisch durch seinen Roman ,,De Aanslag,‘‘ der 1982 in den Niederlanden erschien und 1986 verfilmt wurde. Der Film wurde mit einem Oskar ausgezeichnet. 1986 erschien ,,De Aanslag‘‘ als ,,Das Attentat‘‘ beim Hanser Verlag in deutscher Sprache. Das Buch beginnt mit den Sätzen: ,,Weit, weit zurück, im Zweiten Weltkrieg, wohnte ein gewisser Anton Steenwijk mit seinen Eltern und seinem Bruder am Stadtrand von Haarlem. An einer schmalen Straße, die über eine Länge von hundert Metern am Wasser entlangführte und dann in einem sanften Bogen zu einer gewöhnlichen Landstraße wurde, standen nicht weit voneinander entfernt vier Häuser. (...)Ihre braven bürgerlichen Namen stammten aus sorgloseren Tagen: Schöne Aussicht, Freiruh, Niegedacht Ruheort.‘‘
Zentrales Thea des ,,Attentats‘‘ ist der Widerstand der Niederländer gegen die Besatzung durch Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg (1940-1945). Von diesem Buch wurden weltweit mehr als eine Million Exemplare verkauft. Es wurde in 30 Sprachen übersetzt und ist Pflichtlektüre an allen niederländischen Schulen. Sein weiteres Meisterwerk trägt den Titel: ,,Die Entdeckung des Himmels.‘‘ Es ist ebenfalls zu einem Klassiker der niederländischen und der Welt-Literatur geworden. Nach der Publikation dieses Meisterwerkes, das ebenfalls ein Bestseller wurde, nannten Literaturkritiker Harry Mulisch in einem Atemzug mit Thomas Mann und Robert Musil.
Die großen Drei
Harry Mulisch wurde am 29. Juli 1927 in Haarlem geboren. Zusammen mit Gerard Reve und Willem Frederik Hermans formte er ein Schriftsteller-Trio, das in den Niederlanden als ,,De Grote Drie‘‘ die drei Großen, bezeichnet wurde. Harry Mulisch war der Sohn des Österreichers Kurt Victor Karl Mulisch und der flämisch-deutschen aus Antwerpen stammenden Jüdin Alice Schwarz.
Zweiter Weltkrieg
Durch seinen familiären Hintergrund hat sich Mulisch, dessen zweite Muttersprache Deutsch war, immer gegen die in den Niederlanden noch immer vorherrschende Stereotypisierung zwischen jenen, die im Zweiten Weltkrieg ,,auf der richtigen Seite‘‘ und jenen, die ,,auf der falschen Seite‘‘ gestanden haben, gewehrt. In holländisch heißt das ,,goed‘‘ und ,,fout‘‘ gewesen zu sein. Sein österreichischer Vater Kurt Victor Karl Mulisch, der von Mulisch´s Mutter Alice Schwarz getrennt lebte, kollaborierte während der Besatzung der Niederlande im Zweiten Weltkrieg mit den Nazis, um zu verhindern, dass sein jüdischer Sohn Harry und seine Ex-Frau Alice, die Mutter von Harry, ins KZ deportiert wurden. Das ist ihm gelungen. Harry Mulisch und Alice Schwarz haben den Holocaust überlebt. Andere Angehörige von Mulisch wurden deportiert. Sie starben im KZ Sobibor.
Harry Mulisch sagt dazu: ,,Ich habe den Zweiten Weltkrieg nicht nur mitgemacht. Ich bin der Zweite Weltkrieg.‘‘ Sein ganzes Leben und sein ganze Oevre waren vom Zweiten Weltkrieg bestimmt und geprägt. Ein zentraler Begriff in den Werken von Mulisch ist das das Wort ,,as‘‘ (Asche) für alles vergängliche. Aber AS, das waren auch die Anfangsbuchstaben des Namens seiner Mutter. Mulisch verfolgte 1961 in Israel den Eichmann-Prozess und schrieb darüber das Buch: ,,Strafsache 40/61.‘‘
Seinen niederländischen Landsleuten, die oft nur in den einfachen Kategorien von ,,goed‘‘ und ,,fout‘‘ über den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust denken, schrieb er mit österreichischer Ironie ins Stammbuch: ,,Ich mag die meiner Landsleute am liebsten, die nach 1945 in den Widerstand gegangen sind.‘‘ In seiner Sturm und Drangzeit in den 60iger Jahren der Apo und der Provos in Amsterdam flog er als linker Aktivist nach Kuba, wo Mulisch auch Fidel Castro traf. Eine Zeitlang war Mulisch ein feuriger Castro-Anhänger und eiferte für die Revolution. Zusammen mit Hugo Claus verfasste er damals ein Libretto über Che Guevara sowie das Buch ,,Het woord bij de daad‘‘ (Lasst den Worten Taten folgen).
Reaktionen
,,Harry bewies in den zurückliegenden Wochen, als er schon sehr krank war, eine große Heroik. Wenn wir bei ihm waren, wurde nicht über seine Krankheit gesprochen. Er saß wie immer gut gekleidet in seinem Sessel. Er konnte sogar noch lachen. Er war ein einzigartiger Schriftsteller,‘‘ mit diesen Sätzen würdigte sein Freund und Kollege Cees Nooteboom in einer ersten Reaktion am Sonntag im niederländischen Fernsehen Harry Mulisch. Mulisch selbst definierte die Funktion eines Schriftstellers einmal so: ,,Auftrag des Schriftstellers ist es, das Rätsel zu vergrößern.‘‘
Harry Mulisch wurde mehrfach für den Literatur-Nobelpreis nominiert, hat ihn aber nie erhalten. Mit seinem Tod verlieren die Niederlande und verliert die niederländische Sprache einen ganz großen Autor.
31.10.2010
/ Textende / Copyright © by HELMUT HETZEL / Den Haag
Zuletzt aktualisiert am Montag, 01. November 2010 um 16:18 Uhr
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